Wien im Mittelalter, ein Geschichtslesebuch
Text: Hannes Gans
Foto: Illustrationen aus dem Buch „Wien im Mittelalter“ © Pichler Verlag
„Wo Stadt ist, herrscht Lebenslust“ gilt heute geradeso gut wie vor knapp 1000 Jahren. Hubert Hinterschweiger, Historiker aus Leidenschaft, ist überzeugt, dass bereits das mittelalterliche Wien in der zeitgenössischen abendländischen Welt den Ruf einer Stadt des Genießens hatte.
Ein solcher Einstieg in eine Epoche, der bis heute der Ruf des finsteren Mittelalters anhaftet, ist ungewöhnlich. Doch Hinterschweiger versteht es prächtig, den Leser von anfänglichen Zweifeln zu lösen und in ihm letztlich sogar den leisen Wunsch zu erwecken, zumindest für ein paar Tage mitten in einer bunten Gesellschaft durch die engen Gassen der mittelalterlichen Stadt zu flanieren, eventuell ein Badehaus aufzusuchen und in einem Wirtshaus einen Becher Wein zu kosten.
„Wien im Mittelalter“ ist dennoch alles andere als romantische Schönfärberei. Es ist einfach die Beschreibung der Geschichte in ihrer gesamten Breite und Höhe, eben „Alltag und Mythen, Konflikte und Katastrophen“, so der Untertitel.
Sie beginnt unten bei den einfachen Leuten, die zu gern aus solchen Werken ausgespart werden. An die 30 Bettlertypen soll es damals gegeben haben, die durch ihre unterschiedliche Kleidung ihren jeweiligen „Stand“ anzeigten. Sie hinterließen Zinken (Geheimzeichen) an den Türen der Wohlhabenden und in eigenen Herbergen, unseren Obdachlosenheimen entsprechend, wurde ihnen Wohnmöglichkeit geboten. Als Ehrlose zählten sie zur Gesellschaft von Henker, Folterknecht, Abdecker und „Hundsschlager“ (Schinder).
Noch schlechter gestellt waren die „freien Töchter“, die „Hübschlerinnen“ oder „gemeinen Frauen“, wie die Prostituierten genannt wurden. König Rudolf von Habsburg unterstellte sie der Aufsicht des Scharfrichters und hatte kein Problem damit, vom Schandlohn Steuern einzuheben.
Apropos Habsburger, sie kamen mitten im Mittelalter als Landesherren nach Wien und hatten größte Mühe, sich gegen das selbstbewusste und wirtschaftlich bestens bestallte Bürgertum der Stadt durchzusetzen. Die Hintergründe der Politik dieser Tage werden im Buch sehr gründlich, obendrein überaus spannend und erstaunlich detailliert dargelegt.
Ein ausführliches Kapitel ist auch den Katastrophen gewidmet, die vor allem im 14. Jh. die Stadt heimsuchten. 1348 vernichtet eine Heuschreckenplage die Ernte, kurz darauf äschert ein Großbrand einen guten Teil der Stadt ein und quasi aus den Brandruinen heraus schleicht die Pest, an der täglich bis zu 500 Menschen sterben. Was noch geblieben ist, wird 1350 durch einen neuerlichen Großbrand vernichtet.
Es wäre nicht Wien, so darf man hier lesen, hätte man sich – ganz nach der Devise des Lieben Augustin – nicht wieder (auf gut Wienerisch) „derfangen“, nicht zuletzt über den Weinbau, den Hubert Hinterschweiger nicht ohne ein Augenzwinkern als wesentlichen Faktor der mittelalterlichen Wiener Wirtschaft und der eingangs erwähnten Lebenslust zugrunde legt.
Hubert Hinterschweiger: Wien im Mittelalter, Alltag und Mythen, Konflikte und Katastrophen. Pichler Verlag 2010, ISBN 978-3-85431-508-7, Preis € 24,95, www.ichlese.at.
