Buch, Ausstellung und ein Ausflugstipp: Der Barbarenschatz
Text: Hannes Gans Fotos © Historisches Museum der Pfalz Speyer Um das Jahr 260 n. Chr. hatte eine Horde von Germanen den Limes überwunden und war weit nach Westen in römisches Hoheitsgebiet vorgedrungen. Der Raubzug hatte sich erfolgreich angelassen. Über 1.000 durchwegs wertvolle Gegenstände waren erbeutet worden: fein verziertes Geschirr aus Silber, einfache, aber nützliche Kannen aus Bronzeblech, Münzen, Werkzeuge, Waffen, Boots- und Wagenzubehör, Dosenschlösser, sogar Votivgaben und der Ornat eines Priesters. Auf dem Rückweg war am Rhein jedoch Endstation. Die Plünderer dürften von der römischen Flotte überrascht worden sein. Im Kampfgetümmel versank ein guter Teil der Beute in den Tiefen des Rheins und war dort bis Anfang der 1980er Jahre verborgen geblieben. Entdeckt wurde der sogenannte Barbarenschatz bei Kiesarbeiten in einem Altrheinarm bei der Ortschaft Neupotz südlich von Speyer und ist deswegen in Fachkreisen bekannt als „Hortfund von Neupotz“.
Historiker für Alltagsgeschichte müssten den räuberischen Germanen und der fixen Flotte dankbar sein. Nur selten erhalten sich derart vollständige Zeitkapseln, durch die man recht gut gesichert auf die Lebensumstände der betreffenden Bevölkerung schließen kann. Der Lebensstandard dürfte demnach in den römischen Provinzen des 3. Jahrhunderts beachtlich hoch gewesen sein, zumindest in manchen Kreisen. So wurden in reichen Haushalten die Speisen auf ovalen Silberplatten serviert. An den schmalen Enden ist das Metall dieser flachen Schalen handwerklich meisterlich zu ausladenden Griffen ausgezogen, die wiederum kunstvoll mit barock anmutenden Schleifen und Schwüngen verziert sind. Die römische Hausfrau hatte sich davon ganze Sets in praktisch abgestufter Größe zugelegt, um für jede gastliche Gelegenheit gerüstet zu sein, und hatte bei deren Anschaffung bestimmt nicht mit einem solchen Überfall gerechnet. Obwohl für eiserne Alltagsgegenstände aus dem Haus und Küchenbereich literarische und bildliche Quellen rar sind – wozu sollte man das Hauspersonal verewigen? –, ist man Dank der Funde in der Lage, eine Küche der damaligen Zeit detailliert nachzustellen. Aufbau und Mobiliar sind Nachbauten, die Gerätschaften sind jedoch Originale aus dem 2. und 3. Jahrhundert. Wie wenig sich die Barbaren mit den kostbaren Gefäßen anzufangen wussten, beweisen Gegenstände aus Silber, die einfach zerhackt wurden. Die kurzfristigen Besitzer kannten zwar den Wert des Edelmetalls, hatten aber für den Mehrwert, der durch die edle Bearbeitung und durch den Verwendungszweck ein Vielfaches ausmachte, überhaupt keinen Sinn. Wie genommen, so wurde auch geteilt – mit Gewalt. Dass diesbezüglich noch einiges an Aufholbedarf bestand, dürfte aber auch ihnen klar gewesen sein, denn eine begehrte Beute waren Handwerker. Römische Wagner und Schmiede verfügten über ein für ihre Entführer wohl unvorstellbares Know-how, das sich mit etwas guten Willen auf beiden Seiten auch in einfachsten Verhältnissen nützen ließ. Allein die Schwerter (spathae) mit hochklassigen Damaszenerklingen, das Zeichen für höchste Schmiedekunst, weckten unbändige Begehrlichkeiten auf Seiten der wesentlich primitiver bewaffneten Germanen. Im Hortfund von Neupotz fand sich eine breite Auswahl an Metall und Holz verarbeitenden Werkzeugen wie Feilen, Raspeln, Drehstähle, ein Satz Löffelbohrer und Blech- oder Lederscheren. Ganz besonders verlockend für die Eindringlinge war aber der Wein. Sie hatten unter anderen landwirtschaftlichen Geräten auch Winzermesser an sich gerafft. Ob sie ihre Anwendung kannten, bleibt dahingestellt. Den Wein selbst haben sie während ihrer Überfälle gewiss nicht verachtet. Heiligtümer, in denen die gallischen Römer ihre Götter verehrten, wurden von den marodierenden Horden in Brand gesteckt, nicht ohne diese vorher gründlich auszuräumen und alles, was nur irgendwie von Wert schien, an sich zu reißen. Dadurch sind uns Sakralobjekte wie ein Signum-Stangenaufsatz mit Weihung und zumindest fragmentarisch Votivbleche erhalten, dünne geprägte Folien, ähnlich den Wachs- oder Silberherzen in unseren Wallfahrtskirchen. Für Schüler sind diesbezüglich in der Ausstellung „Der Barbarenschatz – Den Römern geraubt“ etliche Attraktionen geplant. Ganz wie die alten Römer dürfen sie im Rahmen eines Workshops ihr eigenes Votivblech herstellen, im Alten Rom auf Schatzsuche gehen und darüber diskutieren, wem denn nun ein solcher Schatzfund letztendlich gehört.
Das zur Ausstellung erschienene Buch „Der Barbarenschatz – Geraubt und im Rhein versunken“ ist die ideale Begleitlektüre, die ausführlich die einzelnen Objekte beschreibt und in angenehm lesbarer Form über die Lebensumstände der Römer und Barbaren erzählt.
Buch: Der Babarenschatz – Geraubt und im Rhein versunken, Historisches Museum der Pfalz Speyer (Hg.), ISBN 978-3-8062-2025-4, Preis € 19,90.
Ausstellung: Der Babarenschatz – Den Römern geraubt, gestaltet vom Historischen Museum der Pfalz in Speyer, zu erleben bis 30. November 2010 im MZ Mistelbach Museum Lebenswelt Weinviertel in Kooperation mit dem Urgeschichtemuseum Niederösterreich in Asparn/Zaya zu erleben.
